Mit dem Tierarzt über Land

Es ist morgens, kurz vor neun Uhr. Hans Kilchenmann hat in seiner Praxis in Koppigen bereits einige Kleintiere versorgt, nun schlüpft er hastig in sein Übergewand und zieht hohe Stiefel an. Seine beiden Kollegen sind bereits unterwegs. Er, der Chef, lässt sich von seiner Frau Ursula, die für die Administration zuständig ist, noch rasch den Einsatzplan erläutern. Dann ist auch er zum Aufbruch bereit. Es ist kühl und grau an diesem Morgen, die Landschaft rund um Koppigen wirkt irgendwie müde – oder zumindest verschlafen.
Nach einer kurzen Strecke über Land stoppt Kilchenmann seinen Jeep ein erstes Mal in Niederösch. Vor einem mittelgrossen Hof – der wie alle in dieser Gegend einen sehr gepflegten Eindruck macht. Eine sauber gepflasterte Hofeinfahrt, ein stattlicher Brunnen und ein üppiger Bauerngarten stechen als erstes ins Auge. Der Stall dagegen gehört nicht zu den modernsten, ist aber zweckmässig und recht hell. Darin stehen ein gutes Dutzend Kühe, einige Rinder und Kälber.

 

Eine Spirale für Kuh Anita


Der Bauer Robert Bolliger betreibt Viehzucht mit 22 Grossvieheinheiten. Und, wie in dieser Gegend üblich, Ackerbau dazu. Bolliger macht einen besorgten Eindruck, als der den Tierarzt zu Kuh Anita führt. Anita fällt von der Milch, sollte längst wieder trächtig sein – und wird es nicht. Hans Kilchenmann zaudert nicht lange. Jede Handbewegung zeigt, dass er ein Profi mit langjähriger Erfahrung ist. Die Vorbereitung, welche der Bauer getroffen hat, wiederum beweist, dass auch er sich auskennt. Ein Kessel steht parat, das Wasser ist in Griffnähe und schon säubert der Arzt die Kuh, zieht einen langen Latexhandschuh über und tastet mit konzentrierter Miene den Geburtskanal, die Gebärmutter und Eierstöcke des Tieres ab. Er begutachtet den Schleim, teilt seine Erkenntnisse ohne Aufhebens dem Bauern mit, welcher dafür besorgt ist, dass Anita ruhig bleibt und dem Arzt nicht ihren Schwanz ins Gesicht peitscht.
Hans Kilchenmann holt sein Ultraschallgerät. Er will es genau wissen. Und was er vermutet hat, zeigt der Bildschirm an: Die Kuh hat eine Zyste auf einem der Eierstöcke. Man wird sich rasch einig, dass eine Spirale von Nöten ist. Geschickt setzt Kilchenmann diese ein und erklärt: „Durch die Hormonabgabe sollte der Milchfluss noch etwas stabilisiert werden und die Fruchtbarkeit gesteigert werden.“ All seine Erkenntnisse spricht der Veterinär auch auf Tonband. „Jedes Tier hat eine Krankengeschichte und dazu eine entsprechende Akte.“


Das grosse Thema Fruchtbarkeit


Ob Anita dank der Spirale wieder trächtig wird, wird sich weisen, die Chancen stehen nicht sehr gut. Sollte sich das bewahrheiten, hat Anitas letzte Stunde geschlagen. „Dann muss ich sie wohl oder übel dem Metzger bringen“, sagt der Bauer mit gesenktem Kopf.
Die anderen Kühe und Rinder dagegen, die der Tierarzt ebenfalls untersucht, machen mehr Freude. Alle  sind wie geplant trächtig, alles ist in bester Ordnung.
Fruchtbarkeitstests und Überprüfungen, ob eine Trächtigkeit normal verläuft, sind denn auch das Kerngeschäft des Nutztierarztes. Dazu kommen Krankheiten aller Art, Probleme mit dem Euter und Geburtshilfe. „Die Bauern sind stark unter Druck“, sagt Hans Kilchenmann. Wenigstens die Fortpflanzung der Tiere müsse gewährleistet sein. Und: „Unsere Bauern im Emmental haben immer noch eine sehr starke Bindung zu ihren Tieren, ihnen ist es wichtig, dass es ihren Nutztieren gut geht.“ Je größer der wirtschaftliche Druck wird, je größer wird auch die Gefahr, dass der Arzt nicht mehr wegen jedem Zipperlein geholt wird. Dass ein Emmentaler Bauer sein Tier elendiglich verenden lässt, nur weil es sich wirtschaftlich nicht lohnt, einen Tierarzt zu rufen, das sei, zum Glück, noch nicht der Fall, sagt Hans Kilchenmann. „Aber leider dürfte es früher oder später dazu kommen“, vermutet er. Bei der Geburtshilfe etwa, da sei es bereits so, dass man sich primär darauf beschränke, die kalbende Kuh zu retten – das Kälbchen müsse je nach Aufwand geopfert werden. Das macht Hans Kilchenmann Sorgen, aber er versteht die Haltung „seiner“ Bauern. Aufwand und Ertrag müssen sich auch hier die Waage halten. Anders lässt sich nicht überleben.

 

Schlechte Diagnose für Stute Carina


Nicht ums pure wirtschaftliche Überleben geht es bei Carina. Die sechsjährige Stute, die auf dem Hof von Familie Weber in Wiler bei Utzenstorf gehalten wird, ist ein Hobby- und Freizeitpferd. Eigentlich gehört sie der Tochter des Hauses. An diesem Morgen aber sind Vater Durs und Bruder Andreas daheim. Carina hustet, atmet schwer, und das schon wieder. Bereits einmal wurde sie mit Medikamenten behandelt, aber es will einfach nicht besser werden. Der junge Angestellte von Hans Kilchenmann, der Tierarzt Marco Graber, der bei Kilchenmann die erste feste Stelle nach dem Studium innehat und nun ebenfalls zu besagtem Hof gefahren ist, untersucht das Pferd, hört seine Bronchien und Lungen ab, derweil sein Chef die Trächtigkeit der Kühe prüft. Dann gesellt sich auch Kilchenmann zum Pferd, lässt es aus dem Stall bringen und legt selber Hand an. Was er zu sagen hat, trifft vor allem den Vater schwer: Carina scheint unter einer Allergie zu leiden, verursacht durch Staub und Ammoniakgeruch – den es im halboffenen Laufstall leider gibt. „Du musst einen Unterstand bauen, damit sie draussen sein kann“, sagt Kilchenmann. Aber er wäre nicht der kompetente, erfahrene und einfühlsame Arzt, wenn er es darauf beruhen lassen würde. Lange nimmt er sich Zeit, um Vater und Sohn behutsam ans Thema einer allfälligen unheilbaren Krankheit heranzuführen, hilft überlegen, ob es in der Nachbarschaft einen offenen Stall gäbe, in dem Carina probehalber unterkommen könnte. Erst wenn sie absolut staub- und geruchsneutral gehalten werden könnte, kann der Arzt sagen, ob die junge Stute noch zu retten ist. Vorerst bekommt Carina Antibiotika und Cortison und bleibt unter Beobachtung.


Auslaufmodell Vollzeit-Landtierarzt


Auch Marco Graber, der Jungtierarzt, ist betroffen. Das ändert aber nichts daran, dass er sagt, dass er seine Stelle als Landtierarzt einfach „super“ finde. Hans Kilchenmann übrigens, auf einem Hof in Oberösch aufgewachsen, hatte nie speziell den Wunsch, Tierarzt zu werden. Er wäre eher der Techniker gewesen, habe dann aus pragmatischen Gründen Veterinärmedizin studiert. Heute ist er mit Leib und Seele Tierarzt, Landtierarzt eben, einer der ständig erreichbar ist und auch mal seine Freizeit opfert, um zu helfen. Aber: „Diese Form von Praxis, wie ich und meine Familie sie betreiben, ist ein Auslaufmodell.“ Die neuen Studienabgänger seien mehrheitlich Frauen – und diese würden sich irgendwann mit Teilzeitstellen eine Gemeinschaftspraxis leisten, denkt Hans Kilchenmann. Aber noch ist es nicht so weit: Kilchenmann ist noch voll im Schuss. Und am Nachmittag warten in der Praxis wie immer die kleinen Haustiere, die verarztet sein wollen. Und zumindest mit seinem Angestellten Marco Graber steht ein begeisterungsfähiger Jungtierarzt in den Startlöchern, der sich das Leben als Landtierarzt durchaus vorstellen könnte.

Ein Besuch beim Pferdezahnarzt

Der Langnauer Roland Lanz ist Tierarzt. Als Fachtierarzt für Pferdezähne ist er oft unterwegs, um Pferden, Eseln und Ponys zu helfen, die wegen ihrer Zahnstellung Kauprobleme haben. Oder für die das Tragen einer Trense zur Tortur wird.

 

Wildpferde und Wildesel sind karges Futter gewohnt. Sie bewegen sich ständig in freien Steppengebieten und suchen sich ihr faserhaltiges Futter während fast achtzehn Stunden pro Tag zusammen. Durch die dauernde Kauarbeit weisen ihre Zähne dabei eine natürliche Abnützung auf, welche das jährliche Zahnwachstum von ungefähr zwei Millimetern pro Jahr wieder kompensiert. Nicht so unsere Haustiere: Die Kost, welche Pferde, Esel und Ponys erhalten, ist qualitativ oft zu gut, sprich zu fein. Meist bekommen sie zwei- bis dreimal täglich Heu und Hafer, was sie rasch gefressen haben. Die Kauarbeit ist dadurch für die meisten Tiere ungenügend, die Zähne nutzen sich zu wenig ab. Spitzen und Haken an den Zähnen sowie Zahnfehlstellungen sind die Folge. Und das kann unschöne Auswirkungen haben für das Tier – und manchmal auch für den Menschen, wenn das Tier auf ein Gebiss oder eine Trense ungehalten reagiert.


Jährliche Kontrolle


«Es kommt immer wieder vor, dass Tierbesitzer denken, sie hätten ein blödes, stures Pferd im Stall, das nicht zu reiten, zu fahren oder grundsätzlich zu erziehen sei – dabei liegt das sehr oft nur an einem Zahn, der dem Tier Ärger und Schmerzen bereitet», sagt Roland Lanz und spritzt dem achtjährigen Freiberger Wallach Natan ein leichtes Sedativum. Natan hatte immer ein wenig Probleme mit den Zähnen, und darum werden sie nun jährlich kontrolliert und wo nötig korrigiert. Sobald Natan wegen der Spritze etwas schläfrig wird, kommt sein Kopf in eine Aufhängevorrichtung, die diesen stützt und so die Arbeit erleichtert. Das Maulgatter sorgt dafür, dass der Zahnarzt problemlos auch die hintersten Zähne von Natan erreichen kann. Aber erst wird das Maul gründlich mit Wasser ausgespült, um letzte Futterreste zu entfernen. Mit der flachen Hand tastet Roland Lanz danach das Gebiss des Wallachs ab. «Es ist normal, dass die Kauflächen etwas holprig sind», sagt der Fachmann. «Aber Natans Unter- und Oberkiefer sind nicht gleich breit, er hat unschöne Spitzen an den Zahnaussenseiten und Haken an den vordersten Backenzähnen, weil die beim Kauen nicht auf natürliche Weise abgeschliffen werden. Und das müssen wir nun machen.» Gesagt, getan: Erst wird jeder Zahn einzeln mit einer speziellen Zahnschleifmaschine bearbeitet. Immer wieder tastet Lanz das Gebiss ab und kontrolliert die Zahnstellung. Dann ersetzt er den Aufsatz auf der Maschine und schleift noch die Zahnkanten schön rund. Bald hat Natan in stoischer Ruhe die Behandlung überstanden.


Lücken und Bakterien


Manchmal aber ist eine Zahnbehandlung nicht so schnell vorüber. Es kommt schon vor, dass der Zahnarzt einen Zahn ziehen muss. Weil er kaputt ist oder weil in einer zu kleinen Lücke immer Futterrückstände hängen bleiben und so für Entzündungen im Maul sorgen. Einige Tiere haben auch sogenannte Wolfszähne, überflüssige Zähne, die störend sind, wenn das Tier ein Gebiss tragen muss. «Gerade Pferde, welche immer versuchen, ihre Zunge übers Gebiss zu legen oder sich der Trense entziehen wollen, haben oft ein Zahnproblem», erklärt Roland Lanz und empfiehlt Rossbesitzern darum, die Zähne ihrer Tiere regelmässig von einem Fachtierarzt kontrollieren zu lassen. Auch bei Eseln und Ponys erachtet Lanz, der als Veterinäroffizier auch im Militär schon viele Pferde- und Maultierzähne behandelt hat, eine Kontrolle als unumgänglich: «Sie haben im Vergleich zum Kopf oft zu grosse Zähne und daher weniger Platz im Maul, was zu einer schlechten Zahnstellung und entsprechenden Problemen führen kann.» Eine gute Zahnpflege könne für ein Tier lebensverlängernd sein. Eine gewöhnliche Zahnkontrolle und das Schleifen, wie es bei Wallach Natan nötig war, kosten rund 160 Franken. Muss allerdings ein Zahn entfernt werden – unter Umständen sogar mit einem Meissel per Zugang über die Nasen- und Kieferhöhlen von aussen, ist eine Narkose vonnöten, was die Behandlung dann entsprechend teurer macht.

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